Männergesellschaft
Hainstraße
Ersterwähnung: 1864 | Fahne von 1872

Beim Grenzgang 1864 wurde die Männergesellschaft Hainstraße – in Verbindung mit dem Mühlweg – erstmals als seinerzeitige Straßengemeinschaft erwähnt. Zum Grenzgang 1872 gründete sich diese Gemeinschaft als „Männergesellschaft Hainstraße“. Aus diesem Jahr stammt auch die altehrwürdige Fahne, wurde sie doch zum damaligen Grenzgang von den „Bewohnern der Hain- und Mühlwegstraße“ gestiftet. Dies belegt der Aufdruck auf der Rückseite des edlen Tuches. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass die Hainstraße seinerzeit lediglich vom Marktplatz bis zur Abzweigung an der Obermühle verlief – im heutigen Verlauf in Richtung Ludwigshütte befand sich unbebautes Gelände.
Beim Grenzgang 1886 gingen Emil Vomhof als erster Führer und Philipp Dreher als zweiter Führer über die Grenze. Das wichtige Amt des Rechners hatte Carl Schmidt III inne, Fahnenträger waren August Cyriax, Wilhelm Leydecker und Carl Schmidt. 1894 konnte die Gesellschaft aufgrund der gestiegenen Anzahl an Mitgliedern mit Georg L. Gilbert, Karl Leydecker und Martin Wehn bereits drei Führer stellen. Carl Schmidt III hatte wiederum das Vertrauen der Gesellschaft als Rechner, als Fahnenträger stellten sich K. Hosch, W. Ruhl und A. Thome zur Verfügung. Auch ist dokumentiert, dass sich die Männergesellschaft abseits der Festlichkeiten sehr engagiert zeigte. So stifteten sie dem „Verschönerungsverein zu Biedenkopf“ zwecks Errichtung einer feststehenden Wetterfahne auf dem Altenberg 50 Mark, wobei die Gesamtkosten 55 Mark betrugen.
Es mag heutzutage ernüchternd erscheinen, wie viele Gasthäuser es in der damaligen Zeit in Biedenkopf gab, hielt doch allein die Gesellschaft Hainstraße ihre jeweiligen Versammlungen im Magnus’schen Saal, im Hotel Balbach und im Hotel Krone sowie in den Gasthäusern Carl Schmidt, Wilhelm Nörper und Gerhard Wwe. – und somit in sechs verschiedenen Lokalitäten – ab. Mit Reiter Wilhelm Ruhl ist beim Grenzgang 1900 erstmals ein berittener Bürger für die Gesellschaft aktiv. Unter ihm folgten beim Marsch über die Grenze die Führer August Cyriax, Heinrich Hampel und August Philipp Plitt. Auch im Anschluss an diesen Grenzgang zeigte die Gesellschaft ihr soziales Engagement: Zur Finanzierung des am 19. Juni 1904 vollendeten Marktplatzbrunnens mit dazugehörigem Kreiskriegerdenkmal konnte eine Summe von 35 Mark beigetragen werden. Auch im Anschluss an weitere Grenzgänge wurden städtische und vereinsinterne Projekte finanziell unterstützt – beispielsweise im Altenberg der Bau eines seinerzeitigen Aussichtsturms und des Kaiser-Wilhelm-Turms auf der Sackpfeife. Dieses Engagement zeigt sich bei der Männergesellschaft bis in die heutige Zeit.
1907 führte man den Namen „Männergesellschaft der Hain-, Mühl- und Wiesenwegstraße“. Führer waren August Cyriax, Julius Hosch und Carl Pfeil jun. Erste Überlegungen gingen in Richtung der Errichtung eines Waldfestplatzes. Warum diese Gedanken nicht weiterverfolgt wurden und der Platz am Dappesboden erst im Jahr 1928 realisiert wurde, kann aus heutiger Sicht nicht mehr rekonstruiert werden.
Sieben Jahre später führte die Gesellschaft den Namen „Männergesellschaft der Hainstraße, des Mühlwegs, Wiesenwegs, der Lahnstraße (heute Schulstraße) und der Umkehr (heute Umdraht)“, was auf die seinerzeitige bauliche Erweiterung in Biedenkopf zurückzuführen ist. Als Führer des letztlich durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 nicht stattfindenden Heimatfestes hatten die Gesellschaftsmitglieder die Bürger Carl Schmidt, Carl Meier und Reinhard Weigel sowie als Reiter Gustav Unkel vorgesehen. Carl Heinzerling war bereits von seinen Reiterkollegen als Oberst gewählt und vom Komitee bestätigt worden.
Carl Meier konnte die Gesellschaft schließlich 14 Jahre später über die Grenze führen, denn er wurde als 1. Führer gewählt. Ihm zur Seite standen die Herren Leydecker, Wagner und Gade. Das Besondere hierbei war der Umstand, dass alle Führer denselben Vornamen hatten, weshalb sie die „Carls-Führer“ genannt wurden. Unter ihrer Regie wurde 1928 der unterhalb des Waldplatzes Dappesboden liegende Carlsborn erbaut. Mit Ernst Grebe, Friedrich August Hosch, Robert Breidenstein und Theodor Weigel erhielten vier Reiter das Vertrauen. Auch Carl Heinzerling konnte nach dem abgesagten Fest von 1914, wo er als Bürgeroberst vorneweg reiten sollte, nun das höchste Amt im Grenzgang ausführen.
Durch erneute Bauerweiterung sowie namentliche Aufführung der Theisenbachstraße, des Kiesackerwegs sowie der Grünewaldstraße nannte sich die Gesellschaft nun „Männergesellschaft Hain- und Nebenstraßen“. Wiederum Carl Meier führte auch 1935 die Gesellschaft an, wobei er von seinen Führerkollegen Carl Gade, Karl Grebe, Karl Ruhl und Otto Zimmermann unterstützt wurde. Carl Leydecker, sieben Jahre zuvor 2. Führer, fungierte als Männerhauptmann. Damit ging auch er in die ruhmreiche Geschichte der Männergesellschaft Hainstraße ein, denn er war der erste Bürger überhaupt in diesem neu geschaffenen Amt.
Aus heutiger Sicht betrachtet, schien dieses Amt – sogar teils in Verbindung mit dem Adjutanten – auf die Gesellschaft eine besondere „Magie“ zu haben, denn auch bei den Grenzgängen 1950 (Friedrich August Hosch mit Adjutant Waldemar Kramm), 1956 (Wilhelm Wehn), 1963 (Ernst Cyriax mit Adjutant Karl-Heinz Kraft), 1977 (Karl-Heinz Schneider), 1991 (Kurt Kunkel mit Adjutant Herbert Bodenbender) und 2019 (Jens Gemmecke mit Adjutant Sven Kunkler) stellte sie den Repräsentanten.
Durch die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs musste das für 1949 anvisierte Fest um ein Jahr auf 1950 verschoben werden. Seit diesem Grenzgang, ab welchem sich die Gesellschaft „Männergesellschaft Hainstraße“ nennt, konnte glücklicherweise bei elf Austragungen der siebenjährige Rhythmus eingehalten werden. Erwähnung findet der Umstand, dass beim ersten Grenzgang nach dem Zweiten Weltkrieg mit Karl Ruhl, Otto Zimmermann, Wilhelm Wehn, Heini Maurer, Willi Bergmann, Otto Plack, Otto Füssel und Karl Siebeneicher gleich acht Führer die Gesellschaft anführten. Mit Albert Haydn sen. und Albert Haydn jun. ritten zwei Bürger.
Sechs Jahre später stellte sich für die Gesellschaft die Frage einer möglichen internen Aufteilung, denn auch diesmal hatte man mit sieben Führern eine stattliche Anzahl an Würdenträgern wählen können, was die Folge von sehr vielen Mitgliedern war. Durch die aufgrund neu entstandener Baugebiete erfolgte Gründung der Männergesellschaft „Hasenlauf“ im Jahr 1970 konnte letztendlich eine mögliche Teilung harmonisch umgangen werden. Mit den Führern Friedrich Stoppel, Fritz Seibel, Heinz Bielefeld, Heinz Schäfer, Willi Braun, Kurt Achenbach und Otto Friedrich ging man als größte Gesellschaft über die Grenze. Friedrich Reibert komplettierte als Reiter die Vorstandsreihe ebenso wie Otto Steber, wobei dieser später als einer von beiden Adjutanten des Bürgeroberst auserkoren wurde.
Dr. Kurt Lettermann übernahm 1963 das Amt des 1. Führers von Ernst Cyriax, der zum Hauptmann gewählt wurde. Hans Lettmann, Peter Roemer, Siegfried Knappmann, Norbert Kreuz und Karl Zimmermann komplettierten die Führungsriege. Wieder hatte die Gesellschaft mit Walter Debus und Ernst Meyer zwei Reiter in ihren Reihen. Mit Otto Steber stellte sie zudem den Bürgeroberst. Beim Grenzgang 1970 war der alte auch der neue Führer. Ihm zur Seite standen Arno Mauer, Gustav Herrmann, Günter Bäumner und Albert Haydn jun., wobei Letztgenannter wieder voranritt. Mit Dr. Kurt Lettermann und Arno Maurer wurde das oberste Führungsduo von vor sieben Jahren auch zum Grenzgang 1977 wiedergewählt. Mit ihnen setzten sich Georg Grafe, Hajo Groh und Dieter Wolf an den Führertisch.
Einen kompletten Neustart in der Führungsriege erlebte der Grenzgang 1984, denn die Bürger Kurt Kunkel, Eckhardt Debus, Erich Lettermann, Helmut Kraft, Horst Lehmann und Heinz Lichtenthäler hatten bis dato keine Erfahrung auf diesem Gebiet. Aber auch hier zeigte sich die solidarische und harmonische Gemeinschaft innerhalb der Gesellschaft. Mit Reiter Walter Debus, bereits 1963 in diesem Amt aktiv, stellte sich ein erfahrener Grenzgänger an ihre Seite. Eckhardt Debus erhielt sieben Jahre später als 1. Führer das Vertrauen der Bürger. Fünf weitere Hainsträßer wurden im Verlauf der Versammlungen gewählt: Jürgen Klein, Heinz Lichtenthäler, Volkhard Ferchland, Martin Jowanowitsch und Werner Herrmann. In diese Grenzgangsperiode fiel das 125-jährige Jubiläum der Gesellschaft, welches 1997 auf dem Dappesboden dementsprechend gewürdigt wurde.
Auch 1998 vertrauten die Mitglieder ihrem Vorsitzenden Eckhardt Debus, erhielt er doch nunmehr zum zweiten Mal die Zustimmung der Gesellschaft. Mit seiner Erfahrung durch die beiden zurückliegenden Grenzgänge sowie den gewählten Kollegen Jörg Mauer, Herbert Bodenbender, Herbert Müller, Volker Schneider und Kurt Kunkel sowie Reiter Eckhard Hentschel zeigte sich die Hainstraße wiederholt gut aufgestellt. Jörg Mauer übernahm 2005 nach seinem Amt als 2. Führer sieben Jahre zuvor den Vorsitz von Eckhardt Debus. Als weiteres Mitglied der Führungsriege stellte sich Volker Schneider, der ebenfalls bereits sieben Jahre Führerarbeit vorzuweisen hatte. Marc Milchsack, Jens Gemmecke, Uwe Fischer und Werner Schwald komplettierten den Führertisch. Mit Harald Künkel stellte sich ein äußerst erfahrener Reiter.
Besonderes Geschick musste die Gesellschaft im Jahr 2007 beweisen, als der bundesweit bekannte Orkan „Kyrill“ auch vor Biedenkopf nicht Halt machte und große Schäden am geliebten Waldplatz Dappesboden anrichtete. Durch unzählige Arbeitseinsätze von Bürgern und Balbach-Burschen konnte das Domizil bis zum Spätsommer wieder ansehnlich gestaltet werden, sodass letztendlich das jeweils traditionelle Kartoffelbraten wie gewohnt durchgeführt werden konnte.
Einzig der nun als zweiter Führer gewählte Bürger Jens Gemmecke konnte beim Grenzgang 2012 Erfahrung am Führertisch vorweisen. Als 1. Führer stellte sich Markus Plitt. Stefan Weis, Hans-Jürgen Heinrich und Frank Heidbrink wurden als dritter bis fünfter Führer gewählt. Auch konnte die Gesellschaft mit Martin Kraft und Axel Schlicker zwei erfahrene Reiter vorweisen. Markus Plitt wiederholte 2019 seine Tätigkeit an der Spitze, dahinter wurde Swen Genz gewählt. Jens Gemmecke und Sven Kunkler waren von der Versammlung als 3. und 4. Führer auserkoren worden. Als Erstgenannter zur Freude der Gesellschaft zum Männerhauptmann gewählt wurde und Zweitgenannter als seinen Adjutanten bestimmte, konnten und durften die Bürger erneut wählen. Und so reihten sich mit Thomas Schmidt, Uwe Metzger, Stefan Gaschler und Jens-Oliver Schmidt weitere namhafte Bürger in die Führungsriege ein. Wiederum Martin Kraft, der schließlich als einer der beiden Bürgeroberst-Adjutanten im Einsatz war, sowie Dr. Michael Weiler und Thomas Winzer meldeten sich als Reiter. Als Mitglieder im Komitee wird die Männergesellschaft aktuell von den Bürgern Helmut Kraft, Volkhard Ferchland und Thomas Böhle vertreten.
Neben den traditionellen Veranstaltungen wie Kartoffelbraten und Abschlussversammlung zieht es die Gesellschaft im Rahmen der traditionellen Sternwanderung, welche bereits seit den 1970er Jahren praktiziert wird, jedes Jahr an Himmelfahrt zum Waldplatz Dappesboden. Darüber hinaus ist das sogenannte Treffen der „Würden- und Bürdenträger“, in internen Kreisen „WuB-Treffen“ genannt, sehr beliebt. Jeder Bürger, der im jeweiligen Grenzgangsjahr eine Funktion innerhalb der Gesellschaft innehatte, wird die Ehre zuteil, an dieser Veranstaltung teilnehmen zu dürfen. Als Organisator hierbei tritt jährlich eine andere Gruppierung – beispielsweise Führer, Rechner, Schriftführer, Reiter, Komitee oder Bratmeister – auf, eben jene, die beim Heimatfest und sieben Jahre danach innerhalb der Gesellschaft Verantwortung übernehmen.
Text: Thomas Böhle


