Burschenschaft
Oberstadt
Ersterwähnung: 1886 | Fahne von 1886
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Die Burschenschaft Oberstadt ist eine der ältesten, wenn nicht sogar die älteste und traditionsreichste Burschenschaft Biedenkopfs. Das erste geschichtliche Erscheinen kann nicht genau ermittelt werden. In einem Grenzgangsprotokoll aus dem Jahre 1756 wird erstmals erwähnt, dass auch junge Burschen die Grenze mit abgingen. Da die Oberstadt den ältesten Stadtteil bildet, kann angenommen werden, dass es sich dabei um Oberstädter gehandelt haben muss.
Erst seit 1848 sind Burschenoberst und die beiden Wettläufer namentlich verzeichnet. Die ersten Protokolle der Burschenschaften stammen jedoch erst aus dem Jahre 1886. 55 Burschen trafen sich damals im Grenzgangsjahr 1886 in der Wirtschaft I. K. Schäfer, um gemeinschaftlich das Grenzgangsfest zu feiern. Erstmals wurde auch eine Fahne in Auftrag gegeben, die am 4. August 1886 ihre Weihe erhielt. 100 Jahre lang verrichtete sie treu ihren Dienst, bevor sie durch eine neue ersetzt wurde.
1894 zählten 95 Burschen zur „Burschenschaft zur Oberstadt von I. K. Schäfer“. Der Name spiegelte sowohl die Verbindung zum Stadtteil als auch zu einem bestimmten Lokal wider. Dies änderte sich erst zum Grenzgang 1900: Neben der bekannten Burschenschaft I. K. Schäfer-Oberstadt stand die Burschenschaft Hörle-Oberstadt kurz vor ihrer Neugründung. Nach dem Motto „Einigkeit macht stark“ vereinigten sich die beiden Burschenschaften unter dem noch heute gültigen Namen „Burschenschaft Oberstadt“. Die 102 Burschen hielten ihre Versammlungen fortan abwechselnd in den beiden Gastwirtschaften Schäfer und Hörle ab.
Bis heute vertritt nur die Burschenschaft Oberstadt den alten Stadtkern. Sie stellt damit den Nachwuchs für die gleichnamige Männergesellschaft sowie für die Männergesellschaft Stadtgasse. Aufgrund der Zugehörigkeit zum ältesten Stadtteil genießt die Burschenschaft Oberstadt zudem das Privileg, das Vorschlagsrecht für einen der beiden Wettläufer zu stellen – ein Vorrecht, das seit 1894 über alle Grenzgänge hinweg belegt ist. 1907 stellten die Oberstädter sogar beide Wettläufer.
Über viele Grenzgänge hinweg wurden auch andere wichtige Ämter wie Oberste, Hauptmänner und Adjutanten durch Oberstädter besetzt. Bei den letzten beiden Grenzgängen 2012 und 2019 waren die höchsten Ämter der Vereinigten Burschenschaften von Biedenkopf in Oberstädter Hand: 2012 stellten die Oberstädter mit Detlef Stein den Burschenoberst und mit Florian Peuckert den Burschenhauptmann. Damit waren erstmals beide höchsten Burschenämter von Oberstädtern besetzt. 2019 wurde Felix Cyriax erneut zum Burschenoberst gewählt, und Fabian Hoffmann übernahm als Adjutant des Burschenhauptmanns Daniel Weigl ebenfalls ein wichtiges Amt. Auch beim Reiten kann die Oberstadt auf eine lange Tradition zurückblicken.
Wie in allen Burschenschaften gibt es auch in der Oberstadt feste Termine im Grenzgangsjahr, darunter zehn Versammlungen, die Schleifenüberreichung und die Abschlussversammlung. Seit 1970 veranstalten die Oberstädter zudem im Grenzgangsjahr einen Altherrenabend, bei dem sich aktuelle Burschen und Ehemalige begegnen. So wird der Gemeinschaftsgeist und das Traditionsbewusstsein lebendig gehalten.
Auch in den Jahren zwischen den Grenzgängen gibt es zahlreiche Aktivitäten wie Wanderungen, Kartoffelbraten, Lindenfeste oder das traditionelle Maibaumstellen. Am 30. April füllt sich ab 23 Uhr der obere Marktplatz, wenn die Oberstädter Burschen ihren 18–20 Meter hohen Baum pünktlich um Mitternacht in die Senkrechte manövrieren. Unter Applaus der Zuschauer und begleitet vom Lied „Es kann ja nicht immer so bleiben…“ beginnt anschließend die Kür: Wer bis zum Morgen durchhält und drei Runden im Oberstädter Brunnen schwimmt, erhält den 1. Preis vom ersten Führer.
Die Burschenschaft Oberstadt verbindet Tradition mit Moderne und pflegt enge Kontakte zu benachbarten Burschen- und Mädchenschaften. Feste wie das Osterfeuer in Mornshausen oder die Kirmes in Weifenbach sind feste Programmpunkte im Kalender. Wichtig ist auch die Beteiligung der Oberstädter Mädchen, die bei allen Aktivitäten engagiert dabei sind und einen großen Anteil am lebendigen Vereinsleben haben.
Abschließend lässt sich festhalten: Die Burschenschaft Oberstadt leistet einen bedeutenden Beitrag zur Erhaltung traditioneller Werte und zur Förderung der Verbundenheit mit Heimat und Wald – weit über die Grenzen Biedenkopfs hinaus.
Text: Jens Schlagowsky




